Resümee der Heilig Abend Demo in Bielefeld


68 Neonazis und rund 6500 Gegendemonstranten!

 

Rechtsradikale ziehen nach knapp drei Stunden wieder ab – vier Linksautonome festgenommen – Oberbürgermeister Pit Clausen spricht sich für ein Verbot der NPD aus

Wie ein Polizeisprecher sagte, warfen linke Demonstranten von einer Eisenbahnbrücke Steine und Flaschen auf die Gruppe der 68 Neonazis. Verletzte habe es nicht gegeben. Vermummte Autonome hätten überdies versucht, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen. Die Beamten hätten dies jedoch mithilfe von Reizgas und unter Einsatz ihrer Schlagstöcken verhindert. Vier Demonstranten aus dem linken Lager sind festgenommen worden.
Der behördlich genehmigte Aufmarsch der Rechten führte auf einer Länge von etwa einem Kilometer durch ein Arbeiterviertel im Osten der Stadt. Zu den Protesten unter dem Motto »Bielefeld stellt sich quer« aufgerufen hatte ein breites Bündnis aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Vereinen und Gruppierungen.

Am Hauptbahnhof trafen 68 Neonazis kurz vor 12 Uhr aus Hamm kommend ein. Danach fuhren sie zum Ostbahnhof. Dort wurden sie mit einem gellenden Pfeifkonzert und »Nazis raus«-Rufen empfangen. Einige Gegendemonstranten versuchten, über den Hof eines Unternehmens und den Bahndamm die Polizeisperrung zu umgehen. Die Polizei drängte sie ab. Etwa 30, vermummte Linksautonome hatten, als die Neonazis noch am Ostbahnhof waren, versucht, am AJZ (Heeper Straße/Ecke Lohkampstraße) die Polizeiabsperrungen zu durchbrechen. Sie schossen auch Leuchtraketen ab.

Um kurz vor 13 Uhr zogen die Neonazis Richtung Arbeiterjugendzentrum (AJZ), gegen das sich ihr Aufzug richtete, weiter. Sie wurden von »Haut ab«-Rufen begleitet.

Wenige später warfen dann Linksautonome an der Ecke Heeper Straße/Ostbahnhof vom Bahndamm Steine, Flaschen und Abfall auf die Neonazis. Die Polizei stürmte den Damm und kontrollierte die Situation. Im Gegenzug versuchten etwa zehn Rechtsradikale, den flüchtenden Linksautonomen hinterherzusetzen. Die Neonazis wurden von der Polizei mit Pfefferspray gestoppt.

Der Demo-Zug der Rechten kam etwa 150 Meter vor dem AJZ zum Stehen.
Dann hielten sie ihre Kundgebung ab.

Am AJZ hatte die Polizei offenbar auf den Druck von etwa 4000 Demonstranten ihre Sperre in Richtung der Rechten-Kundgebung vorziehen müssen. Hunderte Menschen stellten sich schützend vor das AJZ.

Gegen 14 Uhr war die Kundgebung der Neonazis an der Heeper Straße beendet und sie zogen zurück zum Ostbahnhof.

Gegen 14.30 Uhr fuhren die 68 Neonazis vom Ostbahnhof zum Hauptbahnhof, um Bielefeld wieder zu verlassen. Ein Teil stieg dann in den Zug Richtung Minden, ein anderer in den Richtung Düsseldorf.

Die Neonazis trugen während der Demo sechs schwarze Fahnen und zwei Transparente. Viele versteckten sich hinter Sonnenbrillen, hochgezogenen Kapuzen und Mützen. Die Mehrheit war zwischen 18 und 30 Jahre alt.

Die Zahl der Demonstranten stieg im Laufe des Tages stetig an. Alleine am AJZ waren es 4000. Insgesamt waren es geschätzte 6500 Menschen, die dem Aufruf zur Demonstration gegen Rechts folgten und an fünf Gegenveranstaltungen teilnahmen.

In der Nacht gab es zuvor sechs Festnahmen. Die Männer hatten das Pflaster des Ostbahnhofs, die Mauer und den Bahnsteig mit Parolen wie »Nazis raus« besprüht. Die Polizei entdeckte zudem ein Depot mit 50 bis 60 Schottersteinen auf einem Spielplatz am Trachtenweg. Sie stammten vermutlich aus dem Gleisbett der naheliegenden Bahnlinie.

Um »5 vor 12« begann die interreligiöse Mahnwache vor dem Hauptbahnhof.
»Wir fürchten uns nicht« – das machten dort die mehr als 1000 Teilnehmer deutlich. Es beteiligten sich die evangelische und die katholische Kirche sowie muslimische und jüdische Gemeinden. Als »unüberhörbares Zeichen« gegen rechts spielten mehr als hundert Mitglieder von Posaunenchören aus Bielefeld und der Region unter Leitung von Kreisposaunenwart Joachim von Haebler. Hochgehalten wurden rote Papphände (»Stopp Nazi-Terror«) und Schilder mit Aufschriften wie »Jesus war Jude« oder »Lieber Lutter-Sumpf als brauner Sumpf«.
Der westfälische Präses Alfred Buß hatte die Gegendemonstrationen ausdrücklich begrüßt. Die Weihnachtsbotschaft sei das »Gegenprogramm zum Faustrecht der Nazis«, erklärte Buß. »Zeigen wir mit allen Bürgerinnen und Bürgern, dass der mörderische braune Sumpf keine Chance bei uns hat«, sagte Buß. »Und feiern wir anschließend gemeinsam die Geburt des Kindes von Bethlehem in unseren Kirchen.«

Die parteiübergreifende Großkundgebung an der Bleichstraße/Am Stadtholz eröffnete Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD).
Er konnte 1000 Teilnehmer begrüßen, auch die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus Gütersloh, Werther, Versmold, Herford und Steinhagen.
Bielefeld bleibe eine multikulturelle, weltoffene, tolerante Stadt, in der verschiedenste Nationalitäten und Kulturen friedlich als Nachbarn zusammen lebten, sagte Clausen bei der Kundgebung. Die Bielefelder Superintendentin Regine Burg rief dazu auf, »gewaltlos aber eindeutig« Widerstand gegen jede Form von Rassismus zu leisten.
Der Bielefelder Oberbürgermeister sprach sich auch für ein Verbot der NPD aus. Die bekannt gewordene rechte Mordserie hätte gezeigt, dass das Gewaltpotenzial unter Rechten größer sei, als bisher angenommen. »Demokratie muss sich hier als wehrhaft erweisen, Bund und Länder müssen etwas gegen rechtes Gedankengut in unserer Mitte tun«, sagte er.

Die Bielefelder Polizei hatte den Aufmarsch an Heiligabend zunächst verboten, ihn dann unter Auflagen aber zugelassen. Nach einem gescheiterten Aufmarsch Anfang August in Bielefeld hatten Neonazis die erneute Demonstration an Heiligabend angemeldet. Die Polizei hatte damals den rechten Marsch aus Sicherheitsgründen kurz nach der Ankunft der Neonazis am Hauptbahnhof abgebrochen, weil Gegendemonstranten die Straßen versperrt hatten.

 

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